Mehrfachkranke
Menschen haben eine so genannte
Dreifachdiagnose. Eine Dreifachdiagnose
bedeutet Polytoxikomanie
(Vielfachsucht), schwere psychische
Störungen, meist in Folge schwerer
Kindheitstraumata und schwere, oft
tödliche, somatische Erkrankungen. Durch
die Kombination ihrer schweren
Erkrankungen fehlt diesen Menschen oft
die Kraft, die Sucht zu überwinden oder
scheitert an der Realität des
Gesundheitszustandes mit der bitteren
Einsicht, das Leben ohnehin weitgehend
verpasst und nur noch wenig Lebenszeit
vor sich zu haben. Sie weisen enorme
Sozialisationsdefizite auf; entsprechend
ist wenig Sozialkompetenz vorhanden, um
(legal) zu überleben.
Der Drogen und/oder
Alkoholkonsum trägt dazu bei, dass der
unerträgliche Lebensschmerz, bedingt
durch die tödlichen somatischen
Krankheiten und die schweren psychischen
Störungen und Erkrankungen, erträglich
werden. Schwindende physische und
psychische Kräfte verhindern, verlangen
zwingend nach umfassender persönlicher
Unterstützung und Begleitung, um das
Leben durch kleine, aber schwierige
Schritte zu verbessern.
Ein Teil dieser
mehrfachkranken Menschen lebt in grosser
Armut. Sie sind aber aufgrund ihrer
Lebenssituation und ihres
Gesundheitszustandes oft nicht in der
Lage, Sozialleistungen in Anspruch zu
nehmen. Sie verfügen nicht über
tragfähige Beziehungsnetze, so dass die
Einzelnen meistens sozial isoliert sind
und keine stützenden Freundschaften oder
Bezugspersonen haben.
Zur Situation von
armutsbetroffenen mehrfachkranken
Menschen
Viele mehrfachkranke
und armutsbetroffene Personen haben eine
traumatische Lebensgeschichte. Oft ist
bereits ihre frühe Kindheit von
Misshandlung und Verwahrlosung geprägt.
Zudem kommen Schulprobleme und
Lehrabbruch hinzu. Die massiven
psychischen Folgen dieser Erlebnisse
werden durch Suchtmittel zu verdrängen
versucht. Diese Selbstmedikation vermag
zumindest kurzzeitig das Gefühl von
Wohlbefinden zu vermitteln, schränkt
jedoch die Handlungsfähigkeit und
Handlungsräume dieser Menschen
zusätzlich ein. Psychische Krankheiten,
körperliche Krankheiten,
Suchtmittelkonsum und soziale
Desintegration verstärken sich
gegenseitig und bilden einen
Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen
ist.
Ziel der
Langzeitbetreuung
Das Ziel der
Langzeitbetreuung der IG Sozialhilfe ist
ein menschenwürdiges Leben und die
Verbesserung der gesamten
Lebenssituation für mehrfachkranke,
süchtige Armutsbetroffene zu erarbeiten,
um vorzeitiges Sterben zu verhindern.
Die Person soll
entscheidungs- und handlungsfähig
werden, sich über eigene Fähigkeiten und
Handlungsmöglichkeiten bewusst werden
und zunehmend Verantwortung für sich
übernehmen.
Voraussetzung für die
Langzeitbetreuung ist, dass sich diese
Menschen auf eine tragfähige Beziehung
und Betreuung einlassen können und
wollen und bereit sind, Hilfe
anzunehmen.
Finanzverwaltung/Ordnung amtlicher
Papiere
Die Anmeldung eines
offiziellen Wohnsitzes, die Beantragung
von Leistungen der Sozialhilfe bzw. der
Invalidenversicherung und die Anmeldung
bei einer Krankenkasse sind wichtige
Grundlagen, um überhaupt die Situation
zu verbessern. Da die Leute
Schwierigkeiten im Umgang mit
finanziellen Mitteln haben, erweist es
sich oft als notwendig, ihre Finanzen zu
verwalten.
Eingliederung ins
Gesundheitssystem
Ein entscheidender
Schritt ist, diese Menschen in
medizinische Behandlungen einzubinden
und sich regelmässig in ärztliche
Behandlung und/oder Psychotherapien
begeben. Hier für ist die Begleitung
durch die Betreuungsperson sehr wichtig,
gilt es doch die grosse Angst vor Ärzten
und oft sämtlichen medizinischen
Therapien zu überwinden und zu
vermeiden.
Beziehungsgestaltung
Aufgrund der
genannten Schwierigkeiten kommt der
Beziehungsaufnahme und
Beziehungsgestaltung zentrale Bedeutung
zu. Die Langzeitbetreuung beinhaltet ein
konstantes Beziehungsangebot. Die
Bezugsperson baut aktiv eine Beziehung
auf: Nichteinhalten von Terminen und
Abmachungen führen nicht zu einem
Beziehungsabbruch von Seiten der
Bezugsperson. Die Bezugsperson
gewährleistet gute Erreichbarkeit auch
ausserhalb der üblichen Arbeitszeit in
dringenden Situationen. Durch das
konstante Beziehungsangebot wird eine
Retraumatisierung durch sanktionierendes
Verhalten vermieden und die positive
Erfahrung einer verlässlichen und
tragenden Beziehung gemacht, sodass sich
Vertrauen entwickeln kann. Klare
Grenzsetzungen und Verbindlichkeiten
sind Teil dieser Begleitung und stehen
dazu nicht in Widerspruch.
*Menschenwürdiges Wohnen
Teil der Langzeitbetreuung ist das
selbstbestimmte Wohnen in der eigenen
Wohnung. Für die Obdachlosen werden
individuell angepasste, einzelne
Kleinwohnungen in Mehrfamilienhäusern
oder Wohnblöcken gemietet. Dadurch wird
angestrebt, dass die Menschen in einem
„normalen" Umfeld wohnen und sie sich
aus den sogenannten sozialen
Brennpunkten begeben.
Miteinander-Tun/ Lernen am Modell
Menschen, die eine Langzeitbetreuung
brauchen, fehlen oft Grundkenntnisse zur
Alltagsbewältigung, wie bspw. putzen,
einkaufen, kochen und waschen. Die
Betreuungsperson übt dies ein, dadurch
werden die Alltagsbewältigungskenntnisse
durch Lernen am Modell erworben. Da die
meisten chronisch unterernährt sind,
kommt dem Thema Ernährung grosse
Bedeutung zu. Gemeinsam Essen zubereiten
und einnehmen ist daher zentral.
Finanzieller
Bedarf jährlich 110
000